schutzengel

suche neuen schutzengel.
meiner ist mit seinen nerven am ende

… wir diskutieren, hören uns aufmerksam zu, lachen, geniessen unsere gemein­schaft. gesellig sitzen wir mädels zwischen halbvollen rotwein­gläsern und kunterbunt gemischtem knabberzeugs an unserem wg-tisch. zufällig zusammengefunden durch die mehrjährige ausbildung. so verschieden und so un­endlich herzensnah in gerade diesem augenblick.

 

nach einem anstrengenden tag gefüllt mit theorien, lernen und sich mit der eige­nen geschichte und der welt im besonderen, auseinandersetzen, philoso­phieren und sinnieren wir noch mitternachts angeregt über zufälle und besondere begeben­heiten. die eine resolut: "also auf meinen schutzengel (und nennt seinen namen) kann ich mich verlassen." die nächste kontert mit den ihrigen. sie besitzt gleich deren drei. und ich mittendrin. ich habe keinen. also glaub ich jedenfalls. warum zum kuckuck erzählen meine gspändli so unbeschwert von ihren unsicht- aber spür­baren beschützern und kennen sogar deren namen? nun nimmt die unterhaltung aber prächtig mächtig fahrt auf. es wird hin und es wird her debattiert. sinn und zweck von schutzengeln scheinen klar und nicht anfechtbar. ausführlich werden die qualitäten der bereits bekannten präsentiert und gelobt. die gruppe ist sich weinseelig einig. ich muss meinen schutzengel endlich kennenlernen und bewusst annehmen. dazu sei es zwingend notwendig, seinen namen zu wissen.

 

gut. ich fülle leicht verunsichert mein glas nach. scheint nachvollziehbar. aber wie erfahre ich … es folgt ein intermezzo über "gibt es denn auch weibliche schutzengel" und driftet kurz ab in tiefe emanzipatorische vulkane … also, wie kann ich den namen heraus­finden? bedeutungsschwangeres schweigen begleitet von ver­schwörerischen blicken schwebt über dem alten holzigen tisch. alle gläser werden bedächtig nachgefüllt. und ich werde in das ritual der namensfindung eingeweiht.

 

einige schlucke später ist klar, wer da an meiner seite ist. oh, da bin ich doch grad etwas erstaunt.

 

in mein baff-sein hinein hören wir, wie sich der fahrstuhl in bewegung setzt. er fährt hoch, hält in unserer wg, direkt gegenüber unserem tisch, die türen öffnen sich. wir halten den atem an. wer kommt denn da spätnachts nichterwarteter weise heim?

… leer. brustend brechen wir fast zusam­men. die eine keck: "hej" - und nennt den nun bekannten namen des eben erst entlarvten rumpelstilzchens – "du kommst aber reichlich spät. bist du noch um die häuser gezogen?" die nächste: "warum nimmst du den fahrstuhl? kannst du nicht mehr fliegen?" wir lachen gemeinsam tränen. ich, mit wohligem herzen, etwas unsicher im kopf und mit gänsehaut überzogenen armen.

never drive faster
than your guardian angel can fly