Hundespaziergang

Gassirunde bei uns: Fitness für Muskeln und Nerven.

 

Unser 1½-jähriger Gordon Setter ist ein wirklich mitreissender Geselle. Also mitreissend im wahrsten Sinne des Wortes.

Zuhause ein liebenswerter Vorzeigehund. Ein Bilderbuch-Gordon Setter mit seidigem Fell, kecker Kopflocke und treuem Blick. Er befolgt brav und charmant jeden Befehl. Vorausgesetzt, er kann und will ihn hören. Und noch wichtiger, vorausgesetzt, die Information schafft es durch sämtliche pubertären Nebelwände hindurch bis in die Befehlbefolgungszentrale seines Hirns.

Ein sanftes Ermahnen wie „geh an deinen Platz“ funktioniert meistens, also öfters als früher. Wird aus dem freundlichen Hinweis allerdings ein entnervter Befehl meinerseits, dann kann es dauern. Man sieht förmlich, wie in seinem Kopf kleine Zahnräder rattern: Meint sie mich? Ernsthaft jetzt oder ist das eher so als Vorschlag gedacht?
Da er meine Sturheit kennt, trottet er schliesslich los. Mit dieser Mischung aus Würde und beleidigtem Stolz, inklusive entnervtem Schnaufen, die nur ein pubertierender Gordon Rüde zustande bringt.

Auch dass er die Katze nicht kahllecken soll, hat er mittlerweile begriffen. Also fast. Jedenfalls solange er weiss, dass ich in der Nähe bin. Sobald er glaubt, unbeobachtet zu sein, beginnt offenbar wieder sein internes Forschungsprojekt: „Wie viele Katzenhaare braucht es, bis sie blank ist? Und wie tief gelangt meine Zunge in ihre Gehörgänge rein?“

Draussen, draussen ist er ein Musterschüler. Eigentlich. Leinenbefreit zeigt er beste Manieren. Jeder Pfiff sitzt. Sogar ein dezentes Räuspern meinerseits genügt und er eilt hilfsbereit zu mir. Handzeichen auf Distanz? Läuft. Er hüpft känguruhähnlich voller Freude auf mich zu; schnell, elegant, zielstrebig und nur selten an mir vorbei. Also gefühlt nur jedes dritte Mal.

Aber an der Leine… An. Der. Leine.
Da kennt er kein Pardon. Da gibt es nur ein Gas: Vollgas. Sobald das Klickgeräusch des Karabiners ertönt, scheint in ihm ein Schalter umzulegen. Von „wohlerzogenem Gentleman“ zu „ich werde im Iditarod-Finale, dem härtesten Schlittenhunderennen der Welt, siegen“. Und ich? Ich werde zur menschlichen Wasserski-Variante. Ohne Ski. Und ohne Wasser.

Er zieht nicht. Er reisst mit.
Mitreissender Hund, ich sagte es ja.

Während andere entspannt neben ihrem Hund flanieren, fühle ich mich eher wie die Begleiterscheinung. Ich bin nicht die, die mit dem Hund spazieren geht. Ich bin die, die hinten dranhängt. Ein stylisches und eigentlich unnötiges Accessoire mit Leinenfunktion.

Interessanterweise scheint er genau zu wissen:
Ohne Leine = Kooperation.
Mit Leine = Wettkampf.

Und natürlich hört er mich. Natürlich wüsste er...
Er entscheidet sich bloss situativ für oder gegen die Umsetzung.

PuberTIERend eben.

Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass auch diese Phase irgendwann vorübergeht. Man sagt ja, mit drei Jahren werde alles besser.
Bis dahin trainiere ich meine Armmuskulatur, meine Standfestigkeit und meine innere Gelassenheit. Und markiere auf dem 3 Jahreskalender Tage mit einem „geschafft“-Kreuz.

Und während ich mir den Frust von der Seele blogge, liegt er da. Friedlich schlafend, eingekuschelt zu meinen Füssen und kann kein Wässerchen trüben oder einen Schlitten durch halb Alaska ziehen.

 

In meinem Hühnerstall findest du keine Hundeerziehungstipps.
Aber Trostpflaster, Denkanstösse und kleine Lichtblicke für lange Pubertätstage von Vier- und Zweibeinern.

 

99 was auch immer …
… in jedem Fall was fürs Gemüt!

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